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Werner Krieglstein, Zylinder XIX

© Werner Krieglstein, Foto: Martin Kreutter

Werner Krieglstein
geb. 1937 in Obersekerschan, Böhmen/Tschechien
Zylinder XIX, 1969
Plexiglas, Höhe: 33 cm, Ø 10 cm
Ankauf 2020

© Werner Krieglstein, Foto: Martin Kreutter

„Ein faszinierendes Lichtspiel mit 'stündlich wechselndem Programm'“, so charakterisierte das Feuilleton der Oberhessischen Presse am 6. Juli 1982 die Installation von Werner Krieglsteins Plexiglas-Zylindern und Bodenplastiken in der gotischen Architektur des Kleinen Rittersaals im Marburger Landgrafenschloss. Die Gruppenausstellung „Hessische Bildhauer im Schloß“, organisiert vom Marburger Kunstverein und unterstützt vom Kulturdezernat der Stadt, war die erste Ausstellung moderner Bildhauerei an dem seit 1981 neu bespielten Museumsstandort der Universität.

Im Dezember 1982 folgte in der Brüder-Grimm-Stube Werner Krieglsteins erste Einzelausstellung in Marburg, wo er seit 1965 als Kunsterzieher am Gymnasium Philippinum und seit 1978 als Lehrbeauftragter am universitären Institut für Graphik und Malerei tätig war. Seit den späten 1960er Jahren hatte er in einem Netzwerk konstruktiver, konkreter und kinetischer Künstler/innen an vielen, teils bedeutenden Gruppenausstellungen im In- und Ausland teilgenommen, sowie einige Einzelausstellungen in wichtigen Galerien dieser Kunstrichtungen realisiert.

Licht und die Brechung von Licht sind sein „Material“, im Sinne von Gestaltungsmittel. Die Transparenz des neuartigen plastischen Werkstoffs Plexiglas faszinierte ihn bereits in den unmittelbaren Jahren nach seinem Kunststudium an der Hochschule für Bildende Künste (Werkakademie) in Kassel 1958-63. Die dortige Bauhaus-Orientierung, insbesondere der Vor- und Werklehre brachte Mitte der 1960er Jahre einen Kreis junger „Konstruktiver“ hervor, die bald europaweit Kontakte und Ausstellungsmöglichkeiten miteinander teilten.

Kunststoff und damit auch Plexiglas bekam in den 1960er Jahren eine immer größere Bedeutung für die Gestaltung von Möbeln und von alltäglichen Gegenständen. Als Material wurde Plexiglas bereits in den 1930er Jahren unter anderem von Naum Gabo und Moholy-Nagy in künstlerischer Form verwendet und fand in den 1960er Jahren wegen seiner Materialeigenschaften vermehrt Interesse in der modernen Kunstpraxis. Kinetik, visuelle Wahrnehmung und das Verhältnis von Betrachtenden zum Werk sind weitere Themen der späten 1960er und der 1970er Jahre.

Zylinder XIX (1969) ist eine relativ frühe Arbeit aus der zwischen 1965 und 2004 entwickelten Reihe zylinderförmiger Plexiglas-Skulpturen Werner Krieglsteins. Im Raum frei aufgestellt verändern sie sich durch die Einwirkung des Lichts auf das geschliffene Plexiglas und durch die Bewegung im Rundgang um das Objekt. Die optischen Veränderungen geschehen an den Schnittflächen, den Rändern der nach geometrischen Folgen berechneten, geschnittenen und geschliffenen Plexiglas-Module, deren turmartiger Aufbau von einer ebenfalls durchsichtigen röhrenförmigen Plexiglashülle gehalten wird.

Konstruktionszeichnung eines Plexiglas-Zylinders
© Werner Krieglstein, 1969

Die Winkel des Zylinders XIX sind dabei Resultate einer rechnerischen Dreiteilung von Grundflächen.  Insbesondere durch den Blick auf die Konstruktionszeichnung des Zylinders wird dieser Zusammenhang deutlich, da die Brechung des Lichts in der Rundung des Zylinders das Auge (gewollt) irritiert und damit die Veränderung der Wirklichkeit (der gerade geschnittenen Flächen, die im Auge zu einer gewölbten Fläche wird) zum Thema macht. Die Diagonalteilung der Quadratform im mittleren Ring ist dabei ein geometrisches Prinzip, das vielen Arbeiten Krieglsteins auf einer zeichnerischen Ebene zugrunde liegt. Die konkrete Kunst verzichtet auf das Abbild der Natur. Bildentscheidend sind Farbe und Form, die sich zum Beispiel auf mathematisch-geometrische Prinzipien beziehen. Ein Bildelement soll keine andere Bedeutung haben als sich selbst [vgl. Theo Van Doesburg, Manifest der Konkreten Kunst, Art Concret, Paris 1930].

Zusammen mit Hartmut Böhm, Almir Mavignier, Marcello Morandini, François Morellet, Vera Röhm, Klaus Staudt, und anderen gehörte Krieglstein seit den 1960er Jahren zu einer neuen Generation international kommunizierender Konstruktiver, deren Kunstpraxis die Grenzen sowohl der alten Konflikte des Zweiten Weltkriegs als auch die neuen Gegensätze des Kalten Kriegs zu überwinden suchten.

Plexiglas-Zylinders mit Lichtbrechung.
© Werner Krieglstein, Foto: Jan Daniel Fritz, 2021

Erst bei entsprechender Beleuchtung wird die Wirkung des Zylinders XIX sichtbar: Durch die Lichtbrechung strahlt das Kunstwerk in seine Umgebung ab und überträgt sich immateriell auf den Raum. Ende 2020 konnte das Kunstmuseum Marburg eine Werkgruppe von Plexiglas-Arbeiten Werner Krieglsteins und einige neuere Holzskulpturen erwerben.

Angela Weber

Abbildung: Werner Krieglstein, Zylinder XXIII, 1971, Sammlung Kunibert Fritz

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